Kinderhaus – eine kurze Geschichte des Stadtteils in Münsters Norden

Das historische Ursprung des Stadtteils liegt im Nordosten – dort, wo sich heute die Kirche St. Josef und das Pfründnerhaus zu einem malerischen Ensemble im Kinderbachtal zusammenfügen.

Ur- und Frühgeschichte

Schon vor 3000 Jahren befand sich an der Stelle, wo heute die Straßen Kinderhaus und Alter Friesenweg verlaufen, ein germanischer Wanderweg. Archäologen entdeckten zu beiden Seiten dieses Weges bronzezeitliche Urnengräber. Auch dort, wo die St. Josefskirche steht, wurden Pferdeknochen gefunden. Sie lassen auf ein Fürstengrab schließen. Vielleicht gab es hier sogar ein größeres germanisches Heiligtum, denn die Kirche wurde auf einer Quelle gebaut, die bis heute Wasser führt. Es ist daher gut möglich, dass die ersten christlichen Missionare genau diesen idyllischen Ort im Kinderbachtal für einen Kirchenbau auswählten, um dem alten heiligen Ort der Heiden eine christliche Bedeutung zu geben.

Kinderhaus – Das Leprosorium der Stadt Münster

Besucher und Gäste, die nach Kinderhaus kommen, wundern sich oft über den Namen des Stadtteils. Die Erklärung des Namens weist fast 700 Jahre zurück, als 1333 neben der heutigen Pfarrkirche St.Josef ein Leprosenhaus errichtet wurde. Die leprakranken Menschen, die weit vor den Toren der Stadt Münster untergebracht wurden, bezeichnete man damals als die „armen Kinder Gottes“. So trug das Haus, in dem sie wohnten, bald den Namen „Kinderhaus“. Die Kirche hieß zu dieser Zeit St. Gertrud, denn die Heilige Gertrud sollte vor Seuchen und Krankheiten schützen.

Im 17. Jahrhundert war die Leprakrankheit in Europa so weit zurückgegangen, dass die Stadt Münster kein eigenes Leprahaus mehr unterhalten musste. Stattdessen rief der Dreißigjährige Krieg neues Leid hervor. Nach dem Krieg begann Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen das kriegszerstörte Land wieder aufzubauen. In Kinderhaus ließ er neben dem ehemaligen Leprosorium das bis heute erhaltene Pfründnerhaus errichten. Hier wurden Waisenkinder untergebracht, die man auf der Straße aufgelesen hatte. Sie sollten ein Handwerk lernen, um nicht vom Betteln leben zu müssen. Aus diesem Grunde wird auch die nahe Kirche von Christoph Bernhard von Galen vergrößert und dem heiligen Josef geweiht, dem Schutzpatron der Handwerker. Ganz uneigennützig war diese Wohltat des Fürstbischofs nicht, denn die Kinder und Jugendlichen webten und nähten hier die Uniformen für die Soldaten des Bischofs, der auf vielen Schlachtfeldern in Europa kämpfte. Immer wieder nahmen die Kinder Reißaus, und so gab der Fürstbischof das Jugendprojekt auf. Das Pfründnerhaus wurde fortan als Armenhaus und Altenheim der Stadt Münster genutzt.

Totenurne aus dem Raum Kinderhaus, 1000 v. Chr.
Hl. Elisabeth und Hl. Gertrud mit verwundetem Krieger vor der Kinderhauser Kirche (vermutl. Heinrich Cronenburg, 17. Jh.)
Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen

Der Stadtteil Kinderhaus

Über Jahrhunderte blieb Kinderhaus ganz auf die kleine Siedlung zwischen Kirche, Leprosenhaus und Pfründnerhaus beschränkt. Eine dörfliche Struktur bildete sich bis ins 19. Jahrhundert nicht heraus. Im späten 19. Jahrhundert entdecken Industrielle wie Zimmermann und Roberg die schöne westfälische Landschaft und errichten hier ihre Villen. Bald folgten die Städter – man zog aufs Land. Seit den 1920er-Jahren wurde mehrere Siedlungen auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils gebaut. So entstanden die Siedlungskerne am Hasenbusch und am Erlenkamp, am Janningsweg sowie rund um den Borkumweg bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 folgten die Salzmannsiedlung und die Konermannssiedlung. Kinderhaus wuchs in den folgenden Jahrzehnten mit mehreren Siedlungskernen zu einem Stadtteil zusammen, der mit gegenwärtig fast 16.000 Einwohnern selbst die Größe einer Kleinstadt erreicht hat.

Villa Zimmermann
Wilhelm Zimmermann experimentierte mit dem Tabakanbau in Kinderhaus

Urbanität durch Dichte

In der Planungseuphorie der 1960er und 1970er wurde in Kinderhaus schließlich die Stadt der Zukunft geplant. Unter der Maßgabe, mit Hochhausbebauungen einen modernen Stadtraum (Urbanität durch Dichte) zu schaffen, sollte in Kinderhaus Wohnraum für 35.000 Menschen in Hochhäusern errichtet werden. Realisiert wurden in der Nordwest-Schleife 1500 Wohneinheiten in 6- bis 12-geschossigen Hochhäusern. Mit der Bebauung in einzelnen Siedlungen und in der Nordwestschleife war viel Wohnraum geschaffen worden, doch noch immer fehlte es an Infrastruktur. Bis in die 1980er-Jahre klaffte im Zentrum des Stadtteils eine große Lücke. Dort wurde schließlich das sogenannte Hauptzentrum mit Bürgerhaus, Schwimmbad und Einkaufsmöglichkeiten errichtet. Gegen Widerstände aus Teilen der Kinderhauser Bevölkerung wurde das Zentrum 2014 erweitert.

Hof Schmaloer; im Hintergrund die neue Bebauung der Nordschleife

Kinderhauser Geschichte erleben!

Im Heimatmuseum Kinderhaus wird die Geschichte des Stadtteils lebendig. Die Ausstellung ist Sonntags von 15-17 Uhr (im Sommer bis 18 Uhr) geöffnet. Der Eintritt ist frei. Gerne können Sie gegen eine Spende für den Erhalt des Museums auch einen Termin außerhalb der Öffnungszeiten vereinbaren – ideal für Vereins- und Familienfeiern: Entdecken Sie unter fachkundiger Führung die alten Germanen, die Leprosenstation und das moderne Kinderhaus!

Kontakt

Heimatmuseum Kinderhaus

Kinderhaus 15
48159 Münster

Öffnungszeiten
Sonntags: 15.00 - 17.00 Uhr
(im Sommer bis 18 Uhr)
sowie nach Vereinbarung

Kontakt
Tel. 0157 / 73147735
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